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Es gibt keinen Königsweg in den Flow - nur deinen eigenen (Teil 2)

Im ersten Teil dieser kleinen Serie ging es um das Fundament: Was Flow eigentlich ist, warum er kein Zufallsprodukt, sondern eine trainierbare, evolutionär verankerte Fähigkeit ist und welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit er überhaupt entstehen kann.

Es braucht eine Aufgabe, die weder unter- noch überfordert. Es braucht einen Körper und einen Geist, die weder erschöpft noch angespannt sind. All das gilt für jeden Menschen gleichermaßen. Doch es garantiert nicht, dass dadurch bei jedem Flow entsteht.

Stell dir zwei Menschen vor, die genau dieses Fundament für sich perfekt umgesetzt haben: Eine Aufgabe mit einem klaren Ziel, die zu den eigenen Fähigkeiten passt, ausreichend Energie, wenig Anspannung. Der eine kommt mühelos in den Flow. Die andere sitzt davor wie vor einer verschlossenen Tür.

Wie kann das sein?

Was hier den Unterschied macht, hat nichts mehr mit Bedingungen zu tun, die für alle gleich gelten. Es hat etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Genau da setzt der zweite Teil an – bei der Frage, warum die eigene Persönlichkeit so viel entscheidet und welche Merkmale dabei wirklich zählen.

Fremde Systeme funktionieren bei dir nicht

Die meisten Ratgeber verkaufen dir eine Schablone. Sie sagen: „Steh um 5 Uhr auf, trink diesen Smoothie und nutze jene App.“ Das Problem dabei?

Diese Schablonen ignorieren deine Individualität und einzigartigen Bedürfnisse. Was für einen extrovertierten Adrenalin-Junkie stimmig ist, stürzt einen introvertierten Strategen ins komplette Chaos. Wenn du versuchst, dich in ein System zu pressen, das nicht deines ist, erzeugst du unnötige Reibungsverluste, Frustration und Widerstand, die den Flow unmöglich machen. Der Weg in den Flow folgt einem bestimmten Muster. Dennoch gibt es keine Universallösung.

Der Flow-Forscher Steven Kotler formuliert eine Beobachtung, die diese Erfahrung ziemlich genau erklärt: Häufig findet jemand heraus, wie er in den Flow kommt und versucht es dann, anderen beizubringen. In der Regel endet das in einem Desaster. Denn Persönlichkeit lässt sich nicht einfach skalieren.  

Das bedeutet, dass die biologischen und psychologischen Eintrittspunkte in den Flow von Mensch zu Mensch extrem variieren. Deine genetisch mitbestimmten Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen maßgeblich, wie du auf Reize, Risiken, soziale Interaktionen und Arbeitsumgebungen reagierst. Ein System, das diese individuellen Unterschiede ignoriert, ist zum Scheitern verurteilt, da es gegen deine tiefsten inneren Präferenzen arbeitet. Übernimmst du das System einer anderen Person eins zu eins, übernimmst du nicht die Wirkung. Du übernimmst nur die Form und das kann sich schnell wie Schmierentheater anfühlen.

Die Persönlichkeitsmerkmale, die wirklich zählen

Um deinen eigenen Weg in den Flow zu finden, musst du deine psychologische Architektur verstehen. Die grundlegenden Bausteine der Persönlichkeit unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.

Es gibt drei Persönlichkeitsmerkmale, die bei der Frage, wie du am zuverlässigsten in den Flow kommst, den größten Unterschied machen:

  • Wo du auf der Skala zwischen Introversion und Extraversion liegst
  • Wie hoch deine persönliche Risikobereitschaft ist
  • Wie offen du für neue Erfahrungen bist.

Diese Eigenschaften sind laut Kotler genetisch mitbedingt und nur schwer zu verändern. Die wissenschaftliche Literatur zeigt zwar, dass Persönlichkeit kein unabänderliches Schicksal ist. Du kannst theoretisch deine Persönlichkeitsmerkmale verändern. Aber es ist ein langwieriger Prozess – und er wird mit den Jahren nicht leichter: Am formbarsten ist Persönlichkeit im jungen Erwachsenenalter, ab etwa 30 werden nachhaltige Veränderungen deutlich seltener. Wenn es dir um Leistungssteigerung und Flow-Zustände geht, ist das nicht der beste Ausgangspunkt.

Introversion / Extraversion

Wo du auf der Skala zwischen Introversion und Extraversion stehst, entscheidet mit darüber, welche Umgebung dich eher in den Flow trägt oder eher davon abhält.

Woher ziehst du deine Energie?

Bist du ein eher extravertierter Mensch, wirst du durch externe Stimulation, soziale Interaktion und Teamarbeit energetisiert. Du findest den Flow vielleicht in einer lebhaften Brainstorming-Session, in Präsentationen oder im direkten Kundenkontakt.

Bist du hingegen eher ein introvertierter Mensch, schöpfst du deine Energie aus der Ruhe und dem Alleinsein. Du findest Flow wahrscheinlich in Deep-Work-Sessions. Wenn du als Introvertierter versuchst, in einem Großraumbüro Flow zu finden, kämpfst du gegen deine eigene Natur.

Egal, wo du auf der Skala stehst – deine Arbeitsumgebung sollte es widerspiegeln. Wir Energie aus Austausch zieht, sucht sich bewusst Teamarbeit, offene Räume und direkten Kontakt. Wer Energie aus Rückzug zieht, schafft sich stattdessen geschützte Zeitfenster für konzentrierte Einzelarbeit.

Risikobereitschaft

Wie gehst du mit Unsicherheit und potenziellen Verlusten um?

Hast du eine hohe Risikobereitschaft, kommst du erst dann richtig in Fahrt, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht. Du nutzt die Angst als deinen Treibstoff. Du blühst in Situationen auf, die andere als beängstigend empfinden, wie das Starten eines neuen, ungetesteten Projekts oder das Investieren einer hohen Summe Geld.

Bist du ein Mensch mit einer geringen Risikobereitschaft, brauchst du genau das Gegenteil. Du brauchst eher psychologische Sicherheit, klare Strukturen, Planbarkeit und ein Gefühl der Kontrolle, um dich sicher genug zu fühlen, kreativ und produktiv zu sein. Dein Flow entsteht, wenn das Risiko kalkulierbar ist und du dich auf deine Fähigkeiten verlassen kannst.

Deine Arbeitsumgebung sollte das widerspiegeln. Wer viel wagt, sucht sich bewusst Projekte mit echtem Einsatz und öffentlichem Commitment. Wer Sicherheit braucht, schafft sich stattdessen Meilensteine, klare Abläufe und einen Rahmen, in dem wenig Unvorhersehbares passiert.

Offenheit für neue Erfahrungen

Dieses Merkmal beschreibt deine Bereitschaft, neue Ideen, Konzepte und unkonventionelle Ansätze zu erkunden.

Bist du ein Entdecker oder ein Bewahrer?

Bist du eher hochgradig offen für Neues, brauchst du ständige Abwechslung und neue Impulse, um dich geistig nicht zu unterfordern. Du findest den Zugang zu Flow oft in der Problemlösung, im Lernen neuer Fähigkeiten oder in der Entwicklung innovativer Strategien. Für dich ist übermäßige Routine ein Flow-Verhinderer.

Gehörst du eher zu den Bewahrern, bevorzugst du bewährte Methoden und Stabilität. Dein Zugang zu Flow liegt oft in der Optimierung bekannter Prozesse und in der Anwendung deines Expertenwissens in einem vertrauten Rahmen. Routine gibt dir die nötige Sicherheit, um im Inneren frei für den Flow zu sein.

Auch hier lohnt es sich, deine Arbeitsumgebung an deine grundlegenden Präferenzen anzupassen. Wer nach Neuem sucht, profitiert von wechselnden Projekten, neuen Themenfeldern und ungewohnten Herausforderungen. Wer Bewährtes bevorzugt, profitiert dagegen von einem stabilen, vertrauten Rahmen, in dem sich Expertise vertiefen kann.

Was diese Einzigartikeit für deinen eigenen Weg bedeutet

Das Verständnis und die Akzeptanz der Ausprägung deiner einzigartigen Persönlichkeitsmerkmale sind die Basis, um deinen verlässlichen Zugang zu Flow zu finden. Wer mit der eigenen Persönlichkeit arbeitet, statt gegen sie anzukämpfen, findet den Zugang zu Flow leichter als jeder, der sich ein fremdes System überstülpt.

Es geht also nicht darum, dich zu verbiegen, um in ein vorgegebenes Schema zu passen. Es geht darum, deine Arbeitsweise und dein Umfeld so zu gestalten, dass sie deine Stärken und natürlichen Präferenzen optimal unterstützen.

Das ist radikaler Selbstrespekt. Und er ist der erste Schritt zu allem, was danach kommt.

Fazit

Erinnerst du dich an die zwei Menschen aus der Einleitung? Jetzt kennst du einen Teil der Antwort auf die Frage, warum der eine mühelos in den Flow kommt und die andere nicht.

Es liegt daran, dass ihre Persönlichkeiten unterschiedlich auf dieselben Bedingungen reagieren. Ob du Energie aus Rückzug oder aus Austausch ziehst. Ob dich Risiko anspornt oder eher blockiert. Ob du Neues brauchst oder Vertrautes. Drei Merkmale, die entscheiden, welche Umgebung, welcher Druck, welches Maß an Neuheit dich tatsächlich in den Flow-Zustand trägt.

Die meisten fremden Systeme scheitern nicht an dir. Sie scheitern, weil sie nie für dich gemacht wurden.

Was bleibt, ist radikaler Selbstrespekt statt Anpassung an ein fremdes System. Wie der Weg für dich konkret aussehen kann, schauen wir uns im dritten Teil der kleinen Flow-Serie an.

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